Weiberfastnacht 2000

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Auch entthront: König Otto ist gut

Frauen an die Macht: Kyllburger Möhnen beherrschen das Geschehen in der Kurstadt

Von unserem Mitarbeiter RUDOLF HÖSER

KYLLBURG. Machtübernahme in der Kurstadt: Stadtbürgermeister Otto Böcker befindet sich in den Händen der Möhnen. Den Rathausschlüssel ist er los.


Die Hände sind ihm gebunden: Bürgermeister Otto Böcker ist am Strick und machtlos.

Auch Verbandsbürgermeister Bernd Spindler wusste wohl, dass vorerst sein letztes Stündlein schlagen sollte, und ließ sich von Josef Camp vertreten. Er sollte Recht behalten: Den Bürgermeistern sollte es in Kyllburg an den Kragen gehen. Und kampfeslustig zog denn auch die Kyllburger Möhnenschar mit Musik und Gesang in großer Zahl und getragen vom Geist der Weiberfastnacht vom Marktplatz zum Rathaus. Diesem närrischen Treiben konnten und wollten sich die Ersten Bürger nicht lange zur Wehr setzten.

Bereitwillig ergaben sie sich in die Hände der fröhlich gestimmten Weiber. Gefesselt mit einem dicken Strick gab es kein Entrinnen.

Eine Erscheinung wie in Marpingen

Die Macht- und Schlüsselübernahme war dann nur noch reine Formsache, die die Herrin der Meute prompt erledigte: Obermöhne Anne Rütt verlas die Regierungserklärung und stellte klar: "Unser Otto hat ganz große Namensvetter: Papst, Kaiser, Bundesligatrainer, Versandhaus. Und alle haben ihre Sache gut gemacht, deshalb ruf ich laut: Otto – find ich gut."

Um den Tourismus der Kurstadt anzukurbeln, empfahl die Ober-möhne: "Küsterin Marlene sollte mal genau hingucke, ob nicht auch in Kyllburg wie in Marpingen eine Erscheinung möglich ist." "Wir sind schachmatt, ich find' das Spitze, drum setz' ich auf die Narrenmütze", konterte der von den Fesseln befreite Stadtbürgermeister Otto Böcker, der dafür den stürmischen Beifall der närrischen Weiber erntete.

"Vergesst des Alltags Weh' und Plage, und bringt die Männer ruhig in Rage, springt durch die Gassen, trinkt den Wein und lasst die Sorgen Sorgen sein", so Ottos Tipp für den weiteren Verlauf des Tages. Das akzeptierten die Möhnen sofort. Und auch "Stellvertreter" Josef Camp zeigte als Freund gute Tradition, deren Pflege er nicht nur begrüßte sondern auch tatkräftig unterstützte. Er lud alle zu einem Umtrunk in die heiligen Hallen der Verwaltung ein. Anschließend setzten die Möhnen mit einem zünftigen Zug durch die Gemeinde ihren traditionellen Weiberdonnerstag fort. Bis spät in die Nacht erklangen die Fastnachtslieder in den Kyllburger Kneipen, wo sich die Männer bereitwillig die Schlipse abschneiden ließen. In Erscheinung treten die lustigen Weiber von Kyllburg wieder beim sonntäglichen Umzug durch die Straßen der Stadt.

Trierischer Volksfreund, 04.03.2000

Kategorie: Textarchiv