Fastnachtszug 1959

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Riesenhafte Tiere zogen durch Kyllburgs närrische Straßen

Drachen, Schwan, Schwein, Hahn und Kuh – Stadtrat, Karussell, Liliputwehr – Viel Volk

KYLLBURG. Am Sonntag zog, wie schon berichtet, der dritte Karnevalszug durch Kyllburg. Er war unstreitig der weitaus beste bisher. Bei herrlichem Sonnenschein im Tal der Kyll fanden sich Tausende von Narren in der Kneippstadt ein; manche blieben gar an den Bushaltestellen stehen und konnten nicht zu diesem seltenen Ereignis kommen. In langen Reihen parkten die Wagen am Stadtrand. Riesenhafte Tiere zogen durch die närrisch geschmückten Straßen der Stadt, vielbewundert und vielbejubelt. Es wurde gesungen, geschunkelt und geknipst, was da an Farben und Formen vorüberzog.

Der närrische Sonntag begann schon am Vormittag, als um 11 Uhr Freiherr von Schawen mit Roß und Reitern erschien und die Fastnachtszeit proklamierte. Wenige Stunden später war man bereits dabei, sich seinen Anordnungen auf die närrischste aller Weisen zu fügen. Und es machte Spaß! Um 14.30 Uhr startete der Zug vom Stiftsberg. An seiner Spitze marschierte Freiherr von Schawen mit Gefolge. Ihm folgte viel Fußvolk: Eifelhexen in typischer Aufmachung mit Maske, langem Gewand, Besen und Kopftuch; leicht verrückte Eifelwanderer: private Gruppen mit tollen Einfällen. Dahinter die farbenprächtige Kyllburger Kapelle und die Garde mit dem Funkenmariechen, die den Präsidenten Allmann und die Wagen des Elferrates begleiteten. Es regnete Bonbons und Apfelsinen ins Volk.

Dann fuhren die stolzen Wagen an, wie sie Kyllburg noch nicht sah. Seit vielen Wochen hatten sich viele Narren bemüht — und es wurde etwas! Majestätisch zog ein viereinhalb Meter hoher Schwan vorüber; auf der Brücke sah es aus, als schwebte er über den Wassern der Kyll. Auf dem fahrbaren Karussell vergnügten sich reihum die Kleinen. Die Liliputfeuerwehr veräppelte die Kyllburger Wehr. Nie sprang der Wagen an! Das einzige, was klappte, war „Schlauch gut“. Ein Stück für sich der Stadtrat „Eintracht“. Auf den Amboß, auf dem nur die Pläne geschmiedet werden, geriet auch dies und jenes arme Ratsmitglied während der friedvoll-handgreiflichen Sitzung.

Ein riesenhafter Drachen, zehn Meter lang, machte in Schnauze: „Wer hat die größte? — Die, die nie selbst etwas tun. In Kyllburg können das nur wenige sein, sonst kämen so manche Dinge nicht zustande — auch kein Karnevalszug.“ Ein harmloseres Tier folgte: ein riesiges Schweinchen von enormen Ausmaßen. Drinnen briet man Würstchen und warf sie ins Volk. Der Schornstein endete unter dem Schwänzchen am gewaltigen Hinterteil des nützlichen, Tiers. Fruchtbar wars auch. Wie wäre man sonst zu den vielen Ferkelchen gekommen? Ein moderner Rasiersalon zeigte grausame Errungenschaften der Technik. Die armen Rasierten hatten Einheitsköpfe nach der rohen Behandlung.

Ein Bierfaß von gewaltigen Ausmaßen zeigte die Großen der Politik in seltener Einmütigkeit: Adenauer, Ollenhauer und Erhard wählten einstimmig: Bit. Das läßt Gutes für die Zukunft hoffen. Eine Patentkuh wurde gezeigt, die die Sorgen der Landwirtschaft hinwegfegen wird. Den Schwanz als Pumpenschwengel ausgestattet, gibt sie gewissermaßen Milch vom Fließband. Braucht die Bitburger Landwirtschaft nur noch einen gleichen Partner zur Zucht zu finden. Die Zuversicht, mit der man in den Gemeinsamen Markt geht, verstärkte sich noch bei Hahn und Henne, die Eier am laufenden Band legten. Ob sie faul waren, konnte man aber nicht feststellen.

Der Zug war eine zweite Stadtrechtsverleihung, einen solchen Andrang von Menschen brachte er! Nachher zog die Musik durch die Stadt und besuchte alle Lokale auf ihrem mühevollen Weg. Da war die Kapelle Oberkail, die gleichfalls mit von der Partie gewesen war, aber nicht mehr dabei. Sie zog, kostümiert mit Möhnengewändern und herzlich bedankt wie alle Mitwirkenden, wieder von dannen.

Trierischer Volksfreund, 1959

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